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Margret Döring  -  Über Kunst

Über Kunst lässt sich nachdenken. Es werden Fragen aufgeworfen, die nach Antworten suchen; es werden Gedanken provoziert oder indiziert, Themen fokussiert und Erkenntnisse „verbildlicht“ , auf besondere Aspekte hingewiesen, Zeitgeschichte eingewoben zur Anregung und kritischen Auseinandersetzung.

In die Kunst lässt sich aber auch  hineinfühlen. Eine dem Werk innewohnende und nach außen ausstrahlende Gestimmtheit oder Gefühlsmitteilung wird durch die Betrachtung belebt oder korrespondiert mit vorhandenen oder erinnerten Gestimmtheiten im Betrachtenden und kann ihn möglicherweise  zu neuen Sicht- und Empfindungsweisen anregen.

Was ist die Wirklichkeit eines Kunstwerkes, die Essenz, die gültige Aussage, und wie kann diese in  die richtigen Worte übersetzt werden? Wie der Künstler selbst seine Kunst definiert oder interpretiert, kann für das Verständnis des Rezipienten hilfreich oder auch völlig gleichgültig sein. Kunst ist für jeden nicht gleich Kunst und dasselbe Bild wirkt unendlich unterschiedlich oder auch gar nicht.

Im Kunstwerk ist, für den einen mehr für den anderen weniger, etwas Außermaterielles, etwas Grundsätzliches enthalten, als würde neben den Tatsachen des weltlichen Einerleis doch etwas existieren, das einen Hauch der Ewigkeit enthält. Insofern findet ein Austausch zwischen der künstlerischen Aussage und den durch sie ausgelösten Gedanken und Gefühlen des Rezipienten statt.

Das Erschaffen von Kunst geschieht durch Inspiration, durch Konzept, Plan oder Thematik und / oder durch einen prozesshaften Arbeitsverlauf, der den Dialog mit dem entstehenden Werk einschließt.

Der Beginn einer Kreation hat etwas Magisches. Wunsch und Motivation mögen da sein, aber es kann noch ein langer Weg sein bis zum ersten Pinselstrich, bis zur Farbentscheidung, bis zur Wahl des Materials und der Technik. Mut gehört dazu und eine beherzte Entscheidung, anzufangen wie auch Mut und Entscheidung dazu gehören, zum stimmigen Zeitpunkt aufzuhören, nicht darüber hinaus das Werk zu überfrachten. Jetzt und gerade jetzt ist die Zeit, aufzuhören und das Werk aus sich heraus leben zu lassen und die eingewebten Inhalte, Gedanken und Träume wirken zu lassen. Das Ja zum Beginnen und  Beenden, das Nein zum Weitermachen, das sind wesentliche Entscheidungen, die ein Werk bestimmen.

Neugier und Leidenschaft geben dem Schaffensprozess den richtigen „drive“, bringen Intensität, Poesie und Aussagekraft ins Bild. Unabdingbar für das Gelingen eines Kunstwerkes  ist handwerkliches Können, Geübt-sein im Umgang mit den Materialien, Wissen um deren Beschaffenheit und Anwendung, um mit ihnen geschickt jonglieren zu können im Sinne der gewünschten Aussagekraft.

Wichtig ist, dass das Leben sich zeigt im Werk und auch das Lieben, dass der Betrachter berührt wird von dem Bild oder von einem Aspekt des Bildes, dass etwas in ihm anklingt, was ihn in Kontakt treten lässt, was seine Freude, sein Entsetzen, seine Hoffnung, seine Angst… anspricht. In diesem Sinn ist auch Kritik, Auseinandersetzung, sogar Ablehnung und Abneigung von Bedeutung, da das Werk eine Wirkung ausgelöst hat und zur Stellungnahme aufforderte.

Es ist hier nicht ein pädagogisches oder didaktisches Ansinnen des Künstlers gemeint sondern der Wunsch enthalten, dass die aus dem Individuum heraus geschaffene Malerei, Collage, Zeichnung, Installation eine Resonanz findet und Empfindungen des Erschaffers auf Empfindungen des Rezipienten treffen.

Kunst zu machen setzt ein inneres Bedürfnis dazu voraus, eine Art Getriebenheit. Die Kunst muss lebensnotwendig für den Künstler sein, sei es im Tun, Planen oder Nachdenken über Kunst, sei es auch in der Verzweiflung an der Kunst und in Blockaden. Das Feuer muss durch  die Verwirklichung und Umsetzung von Ideen und die Kreation neuer Werke immer am Brennen gehalten werden und auch aus der Asche von Selbstzweifeln und Unzufriedenheit kann das Potential  neuer Funken wieder angefacht werden. Aber nicht nur das eigene Schaffen, die Motivation aus sich heraus hält den Motor am Laufen, auch die Beschäftigung mit den Werken  anderer Kunstschaffender, die Auseinandersetzung mit aktuellen oder vergangenen Strömungen, mit gesellschaftlichen Veränderungen und Ereignissen der Gegenwart und deren Auswirkungen kann in das eigene Werk einfließen. Dazu gehört, per Medien in die Welt eingebunden zu sein, um ihre Themen aufgreifen zu können oder in ein Werk einzuarbeiten und nach außen bringen zu können.

Manchmal braucht es auch meditative Rückzugsphasen zum Luft holen, still zu werden, leer zu werden,  die innere Flamme zu spüren, um dann die Energie wieder aufzuladen bzw. sie zu sich einzuladen. Manchmal ist es an der Zeit, einfach nur wahrzunehmen: Licht und Schatten, das Fließen des Flusses, das bewegte Blau des Meeres, das Rauschen der Bäume, die Schönheit und Farbenpracht der Natur und das Schauspiel der Jahreszeiten mit den ungezählten wunderbaren Aufführungen, die Schwingung der Landschaft, die Sternenweite um die Sichel des Mondes. Manchmal braucht es einfach nur,  dem unbefangenen Fantasiespiel des kleinen Mädchens zuzusehen oder die Katze friedlich gerollt schlummern zu lassen. Ich vergaß die Musik, sich in sie fallen zu lassen, in ihren Klangkosmos, in ihre Rhythmen, in ihr Singen und Raunen, in ihr Stampfen und Schreien und manchmal muss ich ihre Aufforderung zum Tanz annehmen…  

Der Besuch von Ausstellungen, das Betrachten alter und neuer Kunst, die Wahrnehmung anderer Arten, Kunst zu machen, Gespräche und Austausch mit anderen Künstlern oder Experten oder Kunstinteressierten bereichern meinen Horizont, geben Anstoß und Motivation. Sie können aber auch eigene Positionen in Frage stellen und sie verändern oder sie unterstreichen meine Position und ermuntern mich, auf dem eigenen Weg weiter zu gehen.

Ich liebe es, Kunst zu machen. Das gehört zu meinem Leben und  ist für mich nicht mehr wegzudenken.

Anfang der 60ger Jahre, 10. Klasse, Chemie-Raum, ein Experiment: ich weiß nicht mehr, welches, nur, dass es mir imponierte und mich faszinierte und der Lehrer eine Verbindung zum Universum und den Sternen angesprochen hatte. Ich saß still, sah die anderen andächtig schreiben und auf einmal fiel ich in ein tiefes Erstaunen und zwei Worte stiegen in mir auf: „Leben“ und „Lieben“. Sie waren einfach so gegenwärtig, dass es mich erschütterte und ich in einer  Welle von Wärme die um mich herum Anwesenden und die ganze Welt, alles Leben, hätte umarmen können. Diese Erinnerung ist mir geblieben und wenn auch pubertäre Weltschwärm-Gefühle und vielleicht sogar die Verliebtheit in einen der Schüler beteiligt gewesen sein mögen, die zwei Worte begleiten mich bis heute und haben ihre Besonderheit des damaligen Moments nicht abgelegt, sind mir Wegweiser geblieben und fordern mich seither auf zur Verwirklichung ihrer Bedeutung in der mir möglichen Art. Einer der Verwirklichungs-versuche ist für mich die Kunst.

Leben und Lieben!

Ich maße mir nicht an, auch nur einen Teil der vielen Wörter, die in diesen zwei Chiffren enthalten sind, zu kennen oder zu nennen, dennoch ein kleiner Gedankenausflug:

Das Leben und das, was uns ausmacht, was wir alle leben, ist unbeschreiblich oder vielbeschreiblich…Es betrifft nicht nur jeden einzeln sondern letztlich die Welt als Ganzes mit Allem, was auf ihr und in ihr geschieht, was entsteht, sich entwickelt, was schließlich stirbt… Tod als Ende des Lebens transformiert sich wieder zu neuem Leben… Lebendigkeit  ist im Körperlichen, Geistigen und Seelischen… ewige Verwandlung und doch ein stetes Sein im Mikrokosmos und im Makrokosmus mit all den verwandtschaftlichen Entsprechungen. Einzigartigkeit und Universelles fließen ineinander…  Als Katalysator, der all das möglich macht, wirkt das Lieben und die Liebe.

Alles das sind Quellen, aus denen ich schöpfe, wenn ich ein neues Werk beginne.